Rock'n'Roll
Vom Affentanz zum Tanzsport


Die Geschichte des Rock'n'Roll beginnt in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts in Amerika. Swing und Blues, wie der Rock'n'Roll im 4/4-Takt gespielt, bildeten das Fundament für den Boogie Woogie. Charakteristisch für den Boogie Woogie ist die Pianobegleitung mit stark rollendem Baß und acht gleichmäßigen Schlägen. Dadurch entsteht der motorische, maschinengleiche Rhythmus. Bereits 1927 wurde nach diesem Rhythmus der Lindyhop getanzt, welcher als einer der Vorläufer des Rock'n'Roll angesehen wird.

Wie so oft waren es die Afro-Amerikaner, die auch diesen Tanz durch ihre Freude an der Bewegung und Improvisationskunst bereicherten: Sie fügten zwischen den Grundschritten neue Elemente wie Kicks, Sprünge, Handstände und Purzelbäume sowie verschiedene Hebungen ein.

1928 erschien die erste Boogie Woogie Schallplatte, auf der auch die ersten "Grundschritte" erklärt wurden, doch erst rund zehn Jahre später fand der neue Tanz größere Beachtung, wenn auch nicht uneingeschränkte Zustimmung. Der englische "Tanzpapst" Alex Moore schrieb über eine BoogieWoogie Meisterschaft, die in London ausgetragen wurde:

"Ich muß gestehen, es war so ziemlich das Abscheulichste, was ich je in einem Ballsaal gesehen habe."

Aber Moore sah damals schon die weitere Entwicklung voraus, indem er weiter schrieb:

"Trotzdem glaube ich, daß eine mildere Form dieses Tanzes Anklang finden könnte."

 

Nach Deutschland kam der Rock'n'Roll im Gefolge des Films "Außer Rand und Band", der deutschen Version des Bill Haley Klassikers. Und der Titel machte Programm: Tausende strömten in die Kinos und gerieten tatsächlich außer Rand und Band; ähnlich wie bei Kultfilmen heute beherrschte das Publikum sämtliche Dialoge und Musiktexte, so daß der Mangel an Plattenspieler und Kassettenrecorder durch eigenen Gesang ausgeglichen wurde.

 

Auch in Bezug auf Kleidung und Outfit grenzte man sich ab: man trug Röhrenhosen, vor allem Jeans, Ringelsöckchen, spitze Schuhe und weite Sakkos. Krawatten aus schmalen schwarzen Samtbändern galten als der letzte Schrei. Die Haare kämmte man kunstvoll mit viel Pomade zu einem sogenannten Entenschwanz, die Stirn zierte oftmals eine Schmachtlocke à la Bill Haley. Die Mädchen trugen weite Röcke mit Petticoats, die von einem breiten Gürtel aus Metall gehalten wurden, der den Eindruck einer Wespentaille vermittelte. Die Haare wurden meistens als Pferdeschwanz gebunden.

 

 

Schon bald gab es Lokalmatadore, die sich durch besonderes Können hervortaten; von da an bis zum ersten Rock'n'Roll Turnier war es nur noch ein Katzensprung! 1954 wurde der Rocking Club Berlin gegründet (heute der älteste Verein im Deutschen Rock'n'Roll Verband). 1956 wurde eine Deutsche Meisterschaft im Jitterbug und Rock'n'Roll, in den Jahren '57 und '58 nur noch eine Deutsche Rock'n'Roll Meisterschaft ausgetragen. 1961 fand in der Schweiz die erste Weltmeisterschaft statt.

1967 entstand eine neue Welle, die sich bis in die 70er Jahre weiterzog und durch viele kleine Städteturniere zahlreiche neue Freunde für den Rock'n'Roll Tanz gewann. 1973 kam es in München, neben Berlin und Stuttgart eine der deutschen Rock'n'Roll Hochburgen, wieder zu einer Deutschen Meisterschaft. Seit 1976 finden in Deutschland regelmäßig nationale und internationale Meisterschaften im Rock'n'Roll statt.


Als Geburtstag des Rock'n'Roll gilt allgemein der 12. April 1954. An diesem Tag schloß Bill Haley die Studioaufnahme zu "Rock around the clock" ab, und mit dem gleichnamigen Film begann der Rock'n'Roll seinen Siegeszug um die Welt. Dieses Datum bedeutet aber nicht, daß es Rock'n'Roll Musik nicht schon vorher gegeben hätte; schwarze Musiker haben Rock'n'Roll Musik bereits viel früher gespielt und ihr Publikum hat dazu passende Tanzschritte entwickelt. Vielmehr gelang jetzt der Durchbruch dieser Musik "im großen Stile".

Wesentlichen Anteil an dem Durchbruch des Rock'n'Roll hatte der amerikanische Diskjockey Alan Freed, der den neuen Begriff erfunden hatte und in seiner Rundfunksendung "Rock'n'Roll Party" diese Musik spielte.

Bill Haley Konzerte entfesselten solche Begeisterungsstürme, daß der Berliner Sportpalast 1958 nach einem Konzert aussah wie nach einer Saalschlacht. Krawalle gehörten damals bei Konzerten fast zur Tagesordnung, nicht selten ging die ganze Einrichtung zu Bruch. Dies schaffte naturgemäß Konflikte, die Rock'n'Roll Fans galten bald als gewalttätig und kriminell.

Der Tanz entwickelte sich beinahe zwangsläufig aus dem Bewegungsdrang, den die Rock'n'Roll Musik bei den Zuhörern auslöste. Anfangs beschränkte sich das Tanzen auf die persönliche Interpretation der Musik und des Rhythmus. Man tanzte mit sich selbst, lieferte sich der Musik völlig aus.

Später tanzte man zwar zusammen, von Tanzhaltung oder Kontakt der Partner während des Tanzes konnte aber kaum die Rede sein, dafür waren die Bewegungen des Einzelnen zu wuchtig und raumgreifend. Je wilder, je ausgefallener, je höher, je verrückter desto besser schien die Devise zu sein. Immer neue Figuren wurden kreiert, wobei sich diese nicht aufs Parkett beschränkten, sondern man ließ auch die Partnerinnen um sämtliche möglichen und unmöglichen Körperachsen kreisen.

1975 gründeten sich der Deutsche Rock'n'Roll Verband (DRRV). Noch im gleichen Jahr wurde der DRRV dem Deutschen Tanzsport Verband e. V. als Fachverband mit eigener Sporthoheit angegliedert und damit, trotz vereinzelt noch bestehender Vorbehalte, in die große "Tanzsport-Familie" aufgenommen.
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